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Istanbul und Winterpläne.

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Unsere erste Nacht zelteten wir direkt bei den Klippen am schwarzen Meer und gingen am nächsten Morgen an einem Strand einige Kilometer weiter schwimmen. Bei wunderschönem Wetter fuhren wir teilweise direkt am Wasser entlang und später eine Weile auf einer sehr befahrenen Straße. Ab dem Moment, wo wir das schwarze Meer verließen, um zum Grenzübergang in die Türkei ins Landesinnere zu fahren, ging es bergauf, da dieser auf 650 m liegt. An der Grenze angekommen, warteten wir etwa zwei Stunden, da aufgrund eines Stromausfalls die Pässe nicht kontrolliert werden konnten. Dann ging alles ganz schnell und mit Stempel im Pass fuhren wir unsere ersten Kilometer in die Türkei.
Schon in den ersten Tagen durften wir die Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft der Menschen hier erleben. Oft passierte es, dass einfach mitten auf der Straße ein Auto neben uns anhielt und der Fahrer uns gekühltes Wasser, Limonade oder Eistee herausreichte. Machten wir Pause in einem kleinen Ort, kamen die Anwohner, oft mit mehreren Familienmitgliedern und brachten uns etwas zu trinken oder luden uns direkt auf einen Kaffee oder Tee zu sich ein, auch wenn wir uns sprachlich meist kaum verständigen konnten. Wir hatten es uns gerade im Schatten eines Hauses in Emirali bequem gemacht, um eine Pause zu machen, als auf einmal Elvin und ihre Mutter Nergis um die Ecke kamen. Sie wohnten nämlich in den Haus und schon saßen wir bei ihnen im Wohnzimmer und lernten Bünyamin und den Vater Ahmet kennen. Kurz nach dem Kaffee wurde uns Essen und eine Dusche angeboten und ehe wir uns versahen, war schon geplant, dass wir für die Nacht blieben. Elvin und Bünyamin freuten sich sehr und später spielten wir zusammen Fußball im Hof. Wir unterhielten uns mithilfe von Google Translate und mit Nergis ein wenig auf Englisch. Auch diese Begegnung schien sich genau in einem Moment ergeben zu haben, wo wir es brauchten. Denn nach fast drei Wochen wild campen, war die warme Dusche und ein Bett ein Riesengeschenk.
Ein anderes Mal hatte ein Mann beobachtet, wie Laura das letzte Wasser aus unserem Wasserkanister in unsere Trinkflaschen umfüllte. Wenige Minuten später kam er aus dem Supermarkt, vor dem wir eine Pause machten und stellte einen neu gekauften Kanister vor uns hin. Dann ging er zum Bäcker und besorgte noch zwei warme Sesamringe (Simit) und gab sie uns.
Einen Tag machten wir in einem Palettencafe Pause, also einem Café, auf dessen großem Gelände viele aus Paletten gebaute Möbel standen. Nachdem wir gefragt hatten, ob es Kaffee gab, bestellten wir einen und setzten uns als einzige Gäste hin. Wir sind uns nicht sicher, ob es wirklich Kaffee gab, denn in der Zwischenzeit fuhr der Kellner dreimal mit seinem Roller weg und brachte uns dann anschließend Kaffee und Kekse. Zum Abschied schenkte er uns seine Gebetskette.
Der Tag wird durch die Rufe des Muezzin strukturiert, die man weithin hört. Wenn wir vor einer Stadt zelteten, hörte man die Rufe verschiedener Muezzine durcheinander. Eines Abends, als wir auf einer Kreuzung am Rande eines Dorfes standen, und überlegten, in welcher Richtung wir am besten einen  Zeltplatz finden können, hielt ein Mann neben uns und gab uns zu verstehen, wir sollen in die eine Richtung (in die wir fahren wollten) nicht fahren und dass wir eben 5 Minuten warten sollten. Einige Minuten später kam Büsra auf uns zu und gab uns fürsorglich und energisch zugleich aber vor allem mit viel Lachen zu verstehen, dass wir auf gar keinen Fall in diese Richtung weiterfahren sollten. Sie schlug noch mehr die Hände über dem Kopf zusammen, als sie von unserer Reise hörte und dass wir meistens zelteten. Sie entschied also, dass wir erstmal mit zu ihr nach Hause kommen sollten, um Obst aus dem Garten zu essen. Dort lernten wir ihre Großeltern, ihren Onkel und ihre Eltern kennen und sie beschlossen uns bei sich einzuquartieren. Wieder kommunizierten wir mit Google translate, was manchmal zu lustigen Missverständnissen führte. So wissen wir nicht genau, ob Büsra durch den Mann an der Kreuzung von uns gehört hatte oder es sich schon anderweitig rumgesprochen hatte, dass zwei Fremde im Dorf sind. Obwohl wir keine gemeinsame Sprache hatten, hatten wir alle großen Spaß und es wurde viel gelacht. Am nächsten Morgen vergewisserten sie sich, dass wir genug Frühstück aßen, gaben uns noch Feigen, Äpfel und Birnen aus dem Garten mit und begleiteten uns bis zu einer anderen Straße, die nach Istanbul führte. Wie auch bei Nergis und Ahmet mussten wir versprechen, noch einmal vorbeizukommen.
Die Einfahrt nach Istanbul war die bisher verkehrsreichste Erfahrung, die wir auf dem Fahrrad erlebt haben. Mit 15 – 20 Millionen Einwohnern und einer Ausdehnung von 100 km an der Küste und 50 km den Bosporus hoch, ist Istanbul eine der größten Städte der Welt. Die Straße nach Istanbul rein war teilweise 6-spurig und als wir dann in den Feierabendverkehr reinkamen, mussten wir die Straße verlassen, da es nicht mehr vorwärts ging. Ansonsten ist der Verkehr chaotisch und schnell und es wird viel gehupt. Müde aber froh kamen wir abends bei Philipp und Anke an, die uns freundlich empfingen und halfen Gepäck und Fahrräder in ihre Wohnung zu transportieren. Die Wohnung liegt sehr zentral auf der europäischen Seite Istanbuls, ist total schön und erstreckt sich über zwei Etagen. Auf der dritten Etage ist eine Dachterrasse, auf der wir oft zusammen zum Essen und vor allem unglaublich leckerem türkisch-iranischem Frühstück saßen. Von dort hat man einen tollen Ausblick auf das Wasser. Die Stadt ist gigantisch groß, unglaublich trubelig mit chaotischem Verkehr. Wir wohnen hier in einem sehr hippen und gemütlichen Viertel, wo total viele Katzen zuhause sind. Die Katzen kann man aber kaum als ‚Straßenkatzen‘ bezeichnen, da meistens die gesamte Nachbarschaft sich um die Katzen, die ihr Revier dort haben kümmert: es gibt kleine Häuschen für de Katzen, Geld wird zusammengelegt um sie zu füttern und zu impfen, und im Winter werden sie auch oft in die Häuser der Menschen aufgenommen.
Unsere Ankunft liegt nun zwei Wochen zurück und wir sind noch immer da. An unserem zweiten Tag kam nämlich die Nachricht von Lauras Eltern, dass sie spontan und überraschend für eine Woche in Istanbul Urlaub machen würden. Das war ein schönes Wiedersehen nach mehreren Monaten! Zusammen unternahmen wir viel in Istanbul, fuhren zu den Prinzeninseln, sahen die Hagia Sophia und die Blaue Moschee, spazierten über den Großen Basar, wo wir uns ein wenig im Handeln ausprobierten, aßen leckeres Essen und genossen die gemeinsame Zeit sehr. Wie immer verbrachten wir natürlich viel Zeit im Fahrradladen, zu dem wir insgesamt dreimal hinreisten – der Laden lag nämlich auf der asiatischen Seite es dauerte mit Fähre, Bus und zu Fuß meist 1-2 Stunden um hin- oder zurückzukommen. Jetzt sind unsere Räder wieder in Top-Form und bereit für neue Abenteuer.
Ein großer Teil unseres Aufenthalts hier beschäftigten wir uns mit der Planung der Weiterreise. Da wir jetzt viel später als ursprünglich gedacht in Istanbul angekommen sind, macht sich der Herbst bereits durch kältere Temperaturen (hier noch nicht, aber im Osten der Türkei), Regen und immer kürzere Tage bemerkbar. Im Fahrradladen hatten wir einige Tipps bekommen welche Routen sich gut mit dem Fahrrad fahren lassen – vor allem auch um möglichst verkehrsfrei wieder aus der Stadt herauszukommen. Um herauszufinden, auf welchen Routen wir den kalten Temperaturen noch möglichst lange vermeiden können, studierten wir zusammen mit Philipp und Anke Klimatabellen, Höhenprofile und Zuglinien, auf die man notfalls ausweichen kann.
Mehrere Tage lang hatten wir die verlockende Idee im Kopf, einfach der Sonne und dem Sommer hinterher, nach Neuseeland zu reisen und dort radzufahren und auch mal wieder eine Weile an einem Ort wohnen zu können und zu arbeiten und dadurch Geld für die Weiterreise zu verdienen. Von dort könnten wir uns Nepal von der anderen Seite nähern. Auch die Grenzen zwischen China und Indien sind zur Zeit dicht, wodurch unsere Reise nach Nepal auf dem Landweg enorm erschwert würde. Ein Flugticket würde in etwa so viel kosten, wie wir in bessere Winterausrüstung (Schlafsäcke und Daunenjacken) investieren müssten. Nachdem wir soweit waren, dass wir sogar ein Visum für Neuseeland beantragt hatten, wurde uns bewusst, dass uns unsere ursprüngliche Idee so sehr ans Herz gewachsen war, dass wir zunächst erstmal so wie gedacht durch die Türkei in Richtung Georgien weiterreisen. Die Wettervorhersagen für die nächsten zwei Wochen sind auch noch sehr gut und wir planen, dann einen Winterzwischenstopp in Georgien (etwa 2000 km von hier) einzulegen. Sollten wir jedoch unterwegs   wetter- oder kältebedingt oder in irgendeiner Form an unsere Grenzen kommen, werden wir uns etwas einfallen lassen und vielleicht dann unsere Neuseelandidee realisieren (das Visum ist ein Jahr nach Beantragung gültig).
Wir haben ein Riesenglück, dass wir unsere Zeit in Istanbul und unsere Entscheidungszeit bei so lieben Gastgebern wie Philipp und Anke verbringen durften, die vom ersten Tag an wie selbstverständlich ihr zuhause mit uns teilten und uns in Überlegungen und Planungen unterstützten. Mittlerweile haben wir durch sie einige tolle Istanbuler Frühstücks-Cafés kennengelernt, viele spannende Gespräche geführt und waren einen Abend bei schöner traditioneller Musik in einem Café in der Nähe.
Dankbar für die Begegnung und schöne und intensive Zeit in Istanbul, machen wir uns nun nach zwei Wochen weiter auf den Weg in Richtung Georgien.
Am Schwarzen Meer.
Kurze Badepause im Meer.
Zeit zum denken.
Der Blick von unserem Zeltplatz auf den Klippen.
Und so ging es in der Türkei tagelang.
Von dieser Familie wurden wir eingeladen.

Frühstück mit unseren Gastgebern.

Mit dem Fahrrad auf einer 6 spurigen Straße in das Herz Istanbuls.

Der Blick von der Dachterrasse.

Unser neuer Nachbar.

Überraschungsbesuch von Lauras Eltern!

 

 

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2 Comments

  1. Laura Laura

    Hallo David,
    wie schön von dir zu hören! Noemi und ich danken dir für deinen lieben Kommentar! Wir haben noch öfter an euch gedacht, vorallem natürlich bei der wundervollen Aussicht beim Eisernen Tor 🙂 Wir wünschen dir, Oskar und Gregor viel Kraft für das Semester!

  2. David David

    Mit Freude und Spannung verfolge ich euren Reiseblog. Bei mir hat der Alltag wieder voll eingesetzt, eure wundervollen Geschichten lassen mich aber an eueren Erlebnissen teilhaben, bescheren mir Gänsehaut und wecken Fernweh in mir. Danke dafür!
    alles Liebe aus Graz,
    David

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